Wappen der Stadt Mülheim an der Ruhr (Lange Beschreibung auf einer Extra Seite)

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Ein gutes Gespann

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Christa Ufermann mit Blindenführhund Theo in der Mülheimer Innenstadt.Ein gutes Gespann

Theo legt ein mächtiges Tempo vor. Christa Ufermann vertraut ihm blind. Sie folgt dem großen Schäferhund zügig auf Schritt und Tritt: den Kaufhof entlang,

weiter durch rot-weiße Bau-Barken, mitten durch die Passanten. „Das ist Hundetempo. Stöckelschuhe gehen da nicht”, sagt Christa Ufermann und lacht. Sie

trägt flache Halbschuhe zur Hose, dazu eine warme Jacke an diesem späten, kalten Wintertag.

 Erst an einer Ampel bleibt ihr Führhund stehen. Gegenüber liegt der Berliner Platz. Dazwischen die Leineweber Straße und die ausgedehnte Gleisbaustelle.

Die Situation bringt das eingespielte Gespann an seine Grenzen und Theo ein wenig aus dem Tritt. Maschinenlärm tost. Der Schäferhund wartet geduldig. Doch

die Ampel ist ausgeschaltet. Christa Ufermann sieht nicht, dass die Lichtsignale dunkel bleiben. Und im Baulärm kann sich die Blinde auch akustisch kaum

orientieren.

Christa Ufermann mit Blindenführhund Theo in der Mülheimer Innenstadt.

Durch eine Stadt im Umbau zu laufen, ist eine ganz besondere Herausforderung. Christa Ufermann und andere Behinderte müssen sich ihr stellen. Auf dem Weg

zur Arbeit, in der Mittagspause, beim Einkaufen. Hinzu kommen die unzähligen kleinen Alltagshürden, die Blinden den Weg und das Leben erschweren. Hier

fehlt das akustische Ampelsignal, dort streikt die Haltestellen-Ansage im Bus, dann wieder mangelt es vielleicht am Durchblick der Sehenden bei der Planung.

Frau und Hund finden sich in der Regel zurecht. Auf unbekanntem Terrain fragt sie zur Not, um sich zu orientieren. „Wie es jeder andere in fremder Umgebung

auch tun muss. Viele kennen uns ja vom Sehen. Ich gehöre ja zum Stadtbild.” Das erleichtert den Zugang.

Szenenwechsel zum Leinpfad. Auch an der Stadtbad-Baustelle tun sich beide an manchen Tagen schwer. „Mal stehen hier Fahrzeuge. Oft ist ganz schön Lärm

und Theater. Dann höre ich nicht, ob mit was entgegenkommt”, sagt Christa Ufermann. Hinter der Schlossbrücke ist sie in ruhigeren Gefilden. Theo hat sie

aus seinem Führungs-Geschirr entlassen. Der sechs Jahre alte Rüde hat Freizeit, darf schnüffeln, Duftmarken setzen – und „sich lösen”. Christa Ufermann

nutzt derweil den Blindenstock, sondiert den Weg. Und geht wieder flotten Schrittes.

Zeit zum Erzählen über ein Leben als Blinde, über die Arbeit, über das ehrenamtliche Engagement, über Blindenhunde, über Hobbys. „Ich bin ein Lesefreak”,

sagt die blinde Frau, die neuerdings Hörbücher im MP-3-Format schätzt. Nur hell und dunkel kann die Heißenerin von Geburt an unterscheiden. „Früher ging

das besser. Es hat weiter nachgelassen.” Eine Farbvorstellung hat sie. „Aber ich erkenne nur noch klare Farben bei günstigem Licht.” Eine Automatenstimme

sagt ihr die Uhrzeit, ein Farbscanner hilft bei der Kleiderwahl. Er gibt den Ton an. Gehör, Gefühl – die Sinne sind ausgeprägt. Aber ohne technische Hilfen

kommen Blinde nicht aus. Manche Freiheit haben moderne Medien gebracht und Ufermanns mühsame Recherchen beendet. „Früher war die Informations-Beschaffung

schwierig. Es ging ja nicht einfach, ins Internet zu gehen und sich Verbands-Seiten anzugucken.”

Bürokauffrau hat Christa Ufermann gelernt. 1964 hat sie beim Jugendamt angefangen, später in der Augenklinik gearbeitet. Seit 20 Jahren führt die Frau

mit der dunklen Pagenkopffrisur den BSV, den Blinden- und Sehbehindertenverein in Mülheim, dem sie seit über vier Jahrzehnten angehört. Seit 23 Jahren

betreibt sie beruflich die Text- und Datenbearbeitung für die Fürsorgestelle für Schwerbehinderte. Ihr PC im Büro hat eine Sprachsoftware, zur normalen

Tatstatur hat sie eine Braille-Zeile. „Ich arbeite über Tastenkombinationen. Da muss man sich eine Menge merken und lernen.” Für kurze Notizen hat sie

einen altertümlichen Streifenschreiber. „Mit dem habe ich früher Stenogramme aufgenommen”. Zeile für Zeile geht Christa Ufermann Texte durch. „Ich bin

gewohnt, sehr konzentriert zu arbeiten”, sagt sie. „Und ich bin pingelig. Mit den e-mails hat ja allgemein die Schludrigkeit beim Schreiben zugenommen.

Furchtbar.” 

In Ufermanns Büro im Sozialamt steht Theos Korb neben dem Schreibtisch. Der Hund döst, auf dem Boden liegt ein Beiß-Spielzeug, an den Wänden hängen Fotos.

Sie zeigen seine Dienstvorgänger und eine jüngere Christa Ufermann. „Theo ist ein Schatz, ein ganz Lieber. Den geb' ich für eine Million nicht her. Der

ist sehr anhänglich”, schwärmt sie. Elf Monate alt war der Rüde, als sie ihn „zum ersten Mal gesehen” hat. Nach einem halben Jahr Spezialausbildung und

abschließender Prüfung kam der Hund zu ihr. Erst Theo macht sie mobil. Eine von rund 1500 Führhundehaltern bundesweit ist Ufermann. Über jedes einzelne

Tier wird hart mit den Kassen gerungen. Die Finanzierung von Hilfsmitteln ist ein Dauerthema. Auch im Verein. „Das kann ich nicht nachvollziehen, dass

man sich so verhält”, sagt die Blinde. „Da ist ein Dialysepatient wesentlich teurer.” Nächstes Jahr geht Christa Ufermann in den Ruhestand. 65 ist sie

dann. „Das kann man noch gar nicht so realisieren”, bekennt sie. Auch diesen Schritt wird sie mit Theo antreten. Flott im Hundetempo.


Zum Verein: Rund 500 Blinde und Sehbehinderte, schätzt Christa Ufermann, leben in Mülheim. Der Verein hat aktuell 69 Mitglieder, als sie 1988 den Vorsitz

übernahm, waren es 49. Blinde haben weniger als 2 % Sehvermögen. Stark sehbehindert sind Menschen mit 2-6 % Sehvermögen, mit unter 30 % gelten sie als

sehbehindert.


Stabsichtigkeit, Netzhauterkrankungen durch Durchblutungsstörungen und Diabeteserblindungen nahmen laut Ufermann mit den Jahrzehnten zu. „Wir haben auch

mehr Macula-Erkrankungen. Die Leute werden eben älter. Das ist auch ein Problem der Vereinsarbeit, zu uns kommen vor allem Hochbetagte.” 


Rat und Hilfe bei rechtlichen und sozialen Fragen, zu Hilfsmitteln (in Zusammenarbeit mit einem Optiker) oder möglichen Kassenleistungen bietet der BSV,

der Blinden- und Sehbehindertenverein. Zudem organisiert er Freizeittreffs, zuletzt einen Kinobesuch. Gezeigt wurde – mit Szenentext – ein Spielfilm, den

200 Blinde aus dem Ruhrgebiet „sahen”. Zudem gibt der Verein seine Monatshörzeitschrift „BLIZ Aktuell” als Mitgliederinformation heraus. Die Monatstreffen

sind am jeweils letzten Mittwoch im Monat um 17 Uhr im Hotel Handelshof. Im April wird sich dort Christa Ufermann wohl für eine weitere Amtszeit zur Wahl

stellen und sich weiter ehrenamtlich engagieren. Info:  455 35 65 und

http://www.bsv-muelheim.de/


 


Artikel aus der WAZ vom 22. März 2008 geschrieben von Jörn Stender.
WAZ-Bild: Ilja Höpping.
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