Das erste Mal
Der Saal ist fast ausverkauft. Der Film läuft. Doch keiner der Zuschauer kann ihn sehen. Fast alle sind blind.
Christa Ufermann organisierte eine Filmvorführung für Sehbehinderte aus dem Ruhrgebiet im Cinemaxx
„Eins ist schon mal klar: Die sind noch verrückter als wir." Renée Thissen und Sabrina
Führer spielen Fußball. Sie sind blind. Und gerade kommen sie aus dem Kino. Erlebt
haben sie „Blindsight". Und ihre Einschätzung des Dokumentarfilms über Sabriye Tenberkens Himalaja-Gipfelprojekt unterstreicht erneut die an sich schon unglaubliche Story des Films: Die blinde deutsche Tibetologin ist mit sechs blinden
Teenagern einer Bergführer-Gruppe auf 6500 Meter ins Himalaja-Gebirge gestiegen.
Im Kino fünf des Cinemaxx ist auf den ersten Blick nichts anders. Die vielen Hunde fallen
auf. Und erst das Hinhören verdeutlicht, dass „Blindsight" in der Hörfilmfassung läuft.
„Diesen Film im Kino mit Audio-Deskription zu erleben, ist eine wunderbare Gelegenheit",
sagt Christa Ufermann, Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins Mülheim.
Sie organisierte die Vorführung der Hörfilmfassung in Essen, und etwa 200 Blinde
und Sehbehinderte aus dem ganzen Ruhrgebiet folgten ihrer Einladung. „Aus Hagen,
Oberhausen, selbst aus Wuppertal sind Leute gekommen, um den Film zu erleben", sagt
Maria St. Mont aus dem Vorstand des Vereins.
Für viele war es das erste Mal, dass sie einen Hörfilm im Kino erlebt haben.Unddie Reaktionen waren überschwänglich.
„Die Naturbeschreibungen waren einfach toll", sagt Christa Ufermann. Maria St.
Mont: „Die ganze Geschichte ist einfach ergreifend."
Zusammen mit Erik Weihenmayer, dem ersten Blinden, der den Mount Everest
bezwang, und den sechs Kindern will Tenberken eigentlich den Lhakpa Ri besteigen,
einen 7000er. Das gelingt der Truppe nicht, aber der Film zeigt gefühlvoll, dass der Weg
für die Kinder das Ziel war.
Die Hörfilmfassung von „Blindsight" beurteilt Renée Thissen als „richtig gut". „Ein
echt gelungener Film für Blinde."
- „Es ist schade, dass Hörfilme so selten im Kino laufen", meint Vera Giesen vom
Blindenverein. „Wir würden gern häufiger kommen."
Blinde im Kino sind immer noch etwas Besonderes - für Sehende. „Das Beste ist eigentlich immer die Reaktion der Kino-Kassiererin, wenn wir uns einen Film ansehen wollen." Renée Thissen sieht die Kassierin nicht. Auch nicht den Kinofilm. Genießen kann er aber beide Situationen.
Von Virgil Grymonprez

